Tag 29: Was bedeute “freies Leben in Gemeinschaft” für mich?

Nun befinde ich mich bereits 14 Tage in allein in dieser Einsamkeit. Und mir wird es kaum mal langweilig. Es ist erstaunlich, was hier in der Einsamkeit so zum Vorschein kommt Smile

Ich habe zwar Internet, aber aus den Foren im Netz kommen jetzt über die Weihnachtstage auch kaum Impulse. Jeder scheint den gesellschaftlichen Zwängen folge zu leisten und mit sich selber und der Familie beschäftigt zu sein. Ich bin deswegen geradezu gezwungen, aus meiner Re-Aktivität in die Aktivität zu gehen. Das ist nicht einfach für mich, weil ich es nie gelernt habe. Ich habe nie gelernt heraus zu finden, was ich eigentlich TUN möchte, oder dem zu trauen, was ich spüre. Weiters halten mich Gedanken nach dem Sinn einer Tat oft davon ab, überhaupt irgendeine Aktivität durch zu führen. Die Sinnfrage stellte sich früher, in meinem “ersten Leben” nicht, weil ich damals noch für mich akzeptiert hatte, das ich bestimmte Dinge einfach tun müsse (zum Beispiel Geld verdienen). Aber seit in meinem “zweiten Leben” diese Vorstellung verschwunden ist, also kein Druck zum Handeln mehr vorhanden ist, das stellt sich die Frage: was tun? Soll ich mich wie früher mit sinnlosen Beschäftigungen ablenken? Soll ich nach sinnvollen Beschäftigungen suchen? Soll ich nichts tun und abwarten?

Ich werde diese heimtückische Frage nach dem Sinn nicht los. Es scheint mir fast so, als ob das Ego sich mit dieser Frage selbst am Leben erhalten will. Denn der Gedanke nach einer sinnvollen Betätigung suchen zu MÜSSEN, jetzt wo ich nur sehr selten auf irgendwelche Anforderungen der Außenwelt re-agieren muss, ist sehr präsent.

Vielleicht habe ich aber auch gerade deshalb die Einsamkeit hier gesucht. Um endlich mal tiefer in mich zu schauen und heraus zu finden, in mir zu entdecken, was mich wirklich tief aus meinem Innersten antreibt. Was würde ich aus mir heraus tun, wenn kein Zwang von außen vorhanden ist? Wenn keine Partnerin da ist, die etwas von mir möchte? Wenn keine Notwendigkeit vorhanden ist, einen fremdbestimmten Job annehmen zu müssen, um Geld zu verdienen. Wenn nur ich, meine innere Unruhe, und meine Fragen da sind – und die stille Natur um mich herum, die mich einfach sein lässt und keinerlei Druck auf mich ausübt.

Die von außen unbeeinträchtigte Beschäftigung mit meiner Gedankenwelt, die ich hier nun voll erleben kann, tut mir gut. Ich fühle mich sehr ruhig und entspannt, lasse die meisten Gedanken einfach vorbei ziehen, auch wenn sich oft der Gedanke einnistet, etwas tun zu MÜSSEN. Ich erkenne diesen Gedanke als eine gesellschaftliche Prägung, die nichts mit mir zu tun hat, und ich kann ihm inzwischen gut widerstehen. Es gibt hier auf der Finca im Moment einfach auch nichts zu tun und ich finde es faszinierend, dass mich dieser Platz zu sich gerufen hat, an dem ich genau die Ruhe und Einsamkeit vorfinde, dich ich schon so lange gesucht habe.

Was daraus wird? Ich weiß es nicht.

Es besteht momentan auch kein Druck dies heraus zu finden. Und das ist vielleicht auch ganz gut so, denn in meinem “ersten Leben” war ich meist durch die Umstände angetrieben. Es gab einfach zu viele Dinge, die täglich zu tun waren, so schien es zumindest. Und wenn ich mich von dem Gedanken befreite etwas tun zu müssen, dann kam die Forderung von außen. „Warum sitzt du nur herum, du könntest doch auch mal das Haus putzen“, „es ist so schönes Wetter draußen, lass uns zum Badesee fahren“, „ich muss einkaufen fahren, kommst du mit?“

Ich empfand die meisten dieser Aktivitäten einfach als sinnlos. Klar ist es schön, ein sauberes Haus zu haben. Aber muss man es übertreiben? Klar ist es schön, mal zum Badesee zu fahren, aber ist auch wichtig, ist es SINNVOLL? Klar ist es nett, anderen beim Tragen der Einkäufe zu helfen, aber ist das der wahre Grund hinter der Bitte, oder geht es eher darum nicht allein fahren zu müssen?

Und hier, in der Einsamkeit, kommen diese Anforderungen nicht. Es ist niemand da, der etwas fordern könnte (außer der Katze, die sich ab und zu ihre Streicheleinheiten abholt). Und das ist ein Zustand wie im Paradies.

Ich verstehe dann nicht, warum die Menschen so gern zusammen sein, zusammen leben wollen. Sogar wenn wir hier auf der Finca nur zu dritt sind, so wie zu Beginn als ich die Finca übernahm, ist viel Zeit erforderlich, um sich abzustimmen. Es geht viel Zeit mir Reden drauf, ohne dass wirklich etwas passiert. Wenn ich alleine bin, dann brauche ich mich mit niemandem abstimmen. Und wenn ich Arbeit sehe, kann ich sie sofort erledigen, ohne auf andere warten zu müssen oder mich mit ihnen abstimmen zu müssen, „wie wir das jetzt tun oder wann oder ob nicht etwas anderes wichtiger ist“. So werden die Dinge unkompliziert und schnell erledigt. Und es bleibt viel Zeit übrig für die Beschäftigung mit der inneren Welt. Gerade jetzt im Winter, wo die Tage kurz und die Nächte lang und im Garten fast nichts zu tun ist.

Ich gehe auch niemandem auf die Nerven, niemand fühlt sich durch meine Präsenz eingeengt, getriggert, oder anderweitig stimuliert, sodass zwischenmenschliche Konflikte entstehen und Gesprächsbedarf entstehen könnte. Es ist ein sehr freies Leben, das ich gerade führe.

Was ich mir wünsche würde wäre ein lockeres Zusammenleben mit Menschen die ähnlich fühlen und denken in einer  Gemeinschaft, in der jeder seine Privatsphäre hat, in der er wirklich ungestört sein kann, solang er will. Dann gäbe es einen Gemeinschaftsbereich in dem man sich treffen könnte, wenn man sich danach fühlt und auch, wenn man Hilfe von anderen braucht, weil man etwas wirklich nicht selber erledigen kann, wie zum Beispiel ein technisches Problem lösen oder etwas schweres zu heben.

Die meisten Gemeinschaften, die ich bisher besucht habe, funktionierten aber anders. Meist waren hier Menschen anzutreffen, die ihr Alleinsein nicht ertragen konnten und deshalb die Gesellschaft anderer suchten. Und diese Menschen sind für mich ein echtes Problem. Denn dadurch dass sie nicht allein sein können, suchen sie meine Gesellschaft ja nur, um sich selber von sich abzulenken oder ihre Gedanken und Gefühle mit mir zu teilen, ob ich will oder nicht. Ich empfinde so ein Verhalten als eindringlich und meine Privatsphäre verletzend. Natürlich muss ich mich solchen Menschen nicht öffnen, aber ein Ablehnung und Zurückweisung wird dann in der Regel zumindest als unfreundlich, oder gar unbarmherzig, vielleicht sogar als feindlich gewertet. Das ist sie nicht. Wer hier unfreundlich, unbarmherzig und feindlich gesinnt ist, ist derjenige, der hier gerade in meine Privatsphäre ungefragt eingedrungen und sie unaufgefordert verletzt hat. 

Das mag für viele ein ungewöhnlicher Gedanke sein, aber so fühle ich oft. Jedoch nicht immer. Es gibt sehr einfühlsame Menschen, die sich nie aufdrängen, immer ein offenes Ohr für einen haben, und deren Präsenz ich auch so gut wie nie als störend oder eindringlich und die Privatsphäre verletzend empfinde. Solche Menschen merken auch in der Regel sofort, ob sie stören und gehen dann wieder, ohne beleidigt zu sein. Für mich ist solches Verhalten ein Zeugnis eines erhöhten Bewusstseins. Es resultiert in Respekt sich selber und anderen Gegenüber. Ich mag das sehr.

Ein anderer Punkt, der in Lebensgemeinschaften oft auftaucht ist der der gegenseitigen Unterstützung und Mithilfe. Ich sehe keinen Grund dafür, anderen Menschen nicht zu helfen, wenn sie in Not sind, also Hilfe be-nötigen. Es gibt auch keinen Grund ihnen nicht zu helfen, wenn man ihnen gern helfen möchte (nicht aus Eigennutz, um damit sein Ego, sein Helfersyndrom zu streicheln). Doch viele Menschen nutzen andere nur aus. Sie bitten um Hilfe für Dinge, die sie gut selber erledigen könnten (wie im obigen Beispiel des allen Einkaufen gehen MÜSSENS), aber nicht alleine tun wollen. Oder sie haben so viel zu tun (MÜSSEN ja arbeiten gehen), dass sie einen bitten die Hausarbeit oder Gartenarbeit für sie zu erledigen.

Auch hiermit habe ich ein Problem. Denn solche Forderungen (an mich) haben nichts mit Selbstverantwortung zu tun. Warum schaffen sich solche Menschen, die allein im Leben stehen und aus purer Notwendigkeit einem Job nachgehen oder weil sie einen gewissen Luxus lieben, auch noch einen großen Garten oder ein Haustier an, sodass ihnen dann die ganze Arbeit zu viel wird und sie Hilfe bei anderen suchen, um ihre persönlichen Vorlieben zu befriedigen? Das hat für mich nichts mit Bewusstheit oder Selbstverantwortung zu tun. Wenn diese Menschen mehr Selbstverantwortung für ihr Leben übernehmen würden, würden sie vielleicht den Garten und den Hund abschaffen, oder sich eine kleinere Wohnung suchen oder einen Teilzeitjob.

Aber in unserer Gesellschaft wird ja Leistung ganz groß geschrieben. Wer also einen fordernden 70-Wochenstunden Job hat, der kann natürlich auch fordern, dass ihm das hoch angerechnet wird (schließlich ist er/sie ja wichtig) und deswegen ist es nur richtig, dass andere Leute, die ja nichts zu tun haben (also unwichtig sind) für sie die Hausarbeit etc. erledigen.

So ein Denkweise finde ich in abgewandelter Form auch oft in autarken Gemeinschaften oder intentional communities. Da müssen noch mehr Häuser gebaut werden (reicht nicht vielleicht auch eine Jurte?), noch mehr workshops gehalten werden (damit das Geld für den Bau eben dieser Häuser reinkommt), noch mehr meditiert und Yoga-Sessions abgehalten werden, gemeinsame Feste gefeiert und gemeinsam gegessen und gekocht werden. Und wehe dem, der sich hier der Allgemeinheit verweigert und lieber in aller Stille sich selbst genug ist. Der gehört doch nicht in so eine Gemeinschaft, oder? Was will er/sie denn hier, wenn er/sie mir/uns nicht bei der Erreichung unserer eigennützigen Ziele helfen will?

Nein, das ist nicht meine Vorstellung von Gemeinschaft.

Mir sind andere Dinge wichtig.

  • Mir ist wichtig, einen ungestörten Platz zum Leben zu haben, an dem ich von solchen Forderungen frei bin.  
  • Mir ist wichtig, aufgeschlossene, selbstverantwortliche, und offen Menschen in der Nähe zu haben, um die Dinge bewältigen zu können, die ich alleine nicht schaffen KANN. Z.B. die Ernte und Verarbeitung von Früchten, was oft in kurzer Zeit erledigt werden muss, damit ALLE im Winter genug zu Essen haben. Oder die Hilfe von körperlichen schwachen Menschen, alten Menschen, Menschen mit Behinderungen, kranken Menschen, die ihr eigenes Leben nicht selbstverantwortlich führen KÖNNEN. Wenn die ein Haus oder ein Jurte BRAUCHEN, dann wäre ich der letzte, der beim Bau nicht sofort mithelfen würde.
  • Mir ist wichtig, den Menschen Hilfestellung bei seelischen oder psychischen Problemen zu geben, die solche Hilfe ernsthaft suchen. Ich meine nicht diejenigen, die sich nur ihre Probleme von der Seele reden möchten. Ich meine diejenigen, die nach einer LÖSUNG suchen, nicht nach Verdrängung.
  • Mir ist wichtig, mit Menschen FREIWILLIG zusammen zu sein, wenn wir alle dies möchten. Einfach nur, weil wir gern zusammen sind und die Gegenwart des anderen schätzen. Ohne Erwartungen und ohne eigennützige Hintergedanken.
  • Mir ist wichtig, mit Menschen zusammen zu sein, die mich in Ruhe lassen, wenn ich in Ruhe gelassen werden will. Menschen, die sich selber genug sind und mich nicht brauchen, nur weil sie ihr Alleinsein nicht ertragen können.
  • Mir ist wichtig, mit Menschen zusammen zu sein, die mir Verständnis entgegenbringen, so wie ich ihnen Verständnis entgegen bringe.
  • Mir ist wichtig, mit Menschen zusammen zu sein, die mir nicht ihre Vorstellungen über dir richtige Ernährungsweise, die richtige Spiritualität, das richtige Gemeinschaftsleben, die richtige Konfliktlösungs-Strategie aufzwingen wollen.
  • Mir ist wichtig, mit Menschen zusammen zu leben, die mir meine persönliche Freiheit lassen, solange ich sie in ihrer persönlichen Freiheit nicht einschränke (soweit das eben in Gemeinschaft möglich ist).

Mit anderen Menschen mag ich nicht in Gemeinschaft leben, weder groß noch klein. Da bleibe ich lieber allein.

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