Tag 33: Was ist Wahrheit und können wir sie durch suchen finden?

Mir ist aufgefallen, dass ich mich seit einigen Tagen viel im Internet aufhalte. Ich suche dort nach Anregungen, nach neuen Erkenntnissen, neuen Ideen, einfach nach etwas Neuem, nach Beschäftigung. Allerdings verliere ich dabei auch schnell wieder die Lust, denn die meisten blogs und Webseiten strotzen ja nur so von Vermutungen. Es werden im Internet überall reine Vermutungen verbreitet. Nichts als Vermutungen. Irgendwie sind doch alle Gedanken die wir äußern nur Vermutungen, das meiste von allem Geschriebenen was man so liest auch wieder nur Gedanken und Vermutungen über andere Vermutungen. Wir teilen unreflektiert “Fakten”, von denen wir nicht im Geringsten wissen, ob sie wahr sind. Davon ist doch nichts real. Es beschäftigt unsere Köpfe, aber nichts weiter. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, übt es eine ungeheure Faszination auf uns Menschen aus. Wir lieben es, uns über allerlei Vermutungen die Köpfe zu zerbrechen. Aber was steckt dahinter? Wieso tun wir, und ich, das so gerne und mit so viel Eifer?

Tue ich das wirklich nur, weil es mir soviel Spaß macht? Ja, ich glaube schon. Ich sitze gern hier am Laptop und schreibe meine Gedanken nieder. Es erfüllt zwar gar keinen besonderen Zweck, aber die Beschäftigung mit meinen Gedanken schafft eine gewisse Befriedigung.

Anders ist es vielleicht mit meinen Beiträgen in den online Foren, wobei dort sicherlich doch vor allem mein Ego eine größere Rolle spielt und der Wunsch, bestätigt zu werden. Ich möchte „schlauer“ sein als andere, mich hervorheben, anerkannt werden. Also produziere ich auch wieder nur viel Gerede zu allen möglichen Themen, welches meist zu nichts weiter führt, außer der Befriedigung des eigenen Egos, wenn ich wieder mal Recht gehabt haben und ein paar likes bekam. Und wenn sich niemand um meine Beiträge kümmert, dann werde ich traurig. Darüber hinaus führt dieses Schreiben aber zu keiner Aktivität im Leben. Ganz im Gegenteil, es ist sogar fast wie eine Sucht noch mehr likes und Gummipunkte zu erhalten und hält mich sogar davon ab, aktiv in der “realen” Welt zu werden. Wie viele Stunden und Tage sitze ich am Laptop und verbreite meine Gedanken anstelle im Garten zu arbeiten oder etwas sinnvolles zu tun? Sehr viele. Und warum? Weil es mir angenehmer ist, schön am Laptop zu sitzen und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, als den Spaten in die Hand zu nehmen und körperlich aktiv zu werden. Und dann rechtfertige ich diese sinnlose Schreib-Aktivität als „von meinem Herzen oder aus meiner Seele kommend“ – und erkenne nicht, dass sie nur vom Ego kommt – sodass ich keine Zeit (oder wenigstens eine gute Ausrede) “opfere” für sinnvollere Tätigkeiten, wie zum Beispiel die Erzeugung meiner eigenen Nahrung im Garten, die mich am Leben halten und aus der Sklaverei befreien könnte. Schon ver-rückt, was man so tut.

Und warum zerbrechen wir uns ständig die Köpfe darüber, wer nun Recht hat? Irgendwie verstehe ich das nicht. Ich verstehe auch nicht, wieso ICH das tue. Warum mache ich dabei mit, fühle sogar einen recht großen Drang mich in Diskussionen mit einzubringen, blogs oder Tagebuch zu schreiben, und darin meine Meinung zu äußern? Wieso und wozu das alles?

Warum hat der Mensch so ein ungeheuer großes Bedürfnis, sich mitzuteilen, über allerlei Fragen zu spekulieren und seinen Glauben daran bis auf letzte zu verteidigen? Das ist doch sehr merkwürdig. Man liest oder hört etwas und möchte sofort darauf reagieren und es klar stellen, die eigene Meinung dazu äußern. Doch warum? Liegt das wirklich in der Natur des Menschen? Lebensnotwendig ist es sicher nicht. Aber vielleicht braucht es unser Ego zum überleben. Ich kann mich von diesem Drang jedenfalls auch nicht frei sprechen.

Dient unser Mitteilungsbedürfnis vielleicht der Suche nach Wahrheit? Wollen wir unsere Vorstellungen von Wahrheit mit anderen abgleichen und Bestätigung darüber erhalten, dass wir richtig liegen, dass wir der Wahrheit ein Stück näher gekommen sind? Ich lese oft “ja du hast recht”, oder “das ist wahr”. Aber wie können wir das überhaupt wissen? Ist es allein deswegen schon wahr, weil wir und andere so denken? Oder suchen wir nur Bestätigung für etwas, was wir eh schon glauben, jetzt aber wirklich und mit Sicherheit wissen möchten? Und so glauben wir die Dinge zu wissen, die uns von anderen bestätigt werden. Aber es ist immer noch reiner Glaube und eben kein Wissen oder Wahrheit.

Warum suchen wir überhaupt nach der Wahrheit? Warum beschäftigen wir uns mit Spiritualität, mit der Wissenschaft, mit der Suche nach Wahrheit, mit den Vorstellungen anderer Menschen über das, was wahr ist und was nicht?

Früher habe die Wahrheit in der Wissenschaft gesucht. Aber dort konnte ich sie nicht finden. Dann kam der Weckruf meiner Seele und ich begann die Wahrheit in spirituellen Kreisen zu suchen. Wo ist der Unterschied? Ich suche immer noch, nur woanders.

Was sich aber immer wieder vergesse ist, dass die Wahrheit nirgendwo im Außen zu finden ist. Dort bleibt sie immer spekulativ, subjektiv, ungreifbar. Sie entzieht sich uns mit jedem Schritt in ihre Richtung immer weiter. Wir werden nie zum Ende kommen.

Natürlich könnte man sagen „es ist wahr, dass wir die Umwelt zerstören und die Tiere aussterben und sich das Klima verändert“. Das sind Fakten und sie sind wahr. Aber was ist schlimm daran? Vielleicht ist es der natürliche Lauf der Dinge, dass ein bewusstes Wesen wie der Mensch lernen muss, im Einklang mit seiner Umwelt zu leben.

Aber solche offensichtlichen Wahrheiten meine ich nicht. Ich bin auf der Suche nach mir, nach einem Verständnis darüber, wer oder was ICH bin, falls so etwas wie ein ICH überhaupt existiert.

Was mir etwas Sorge bereitet ist die Tatsache, dass ich mich durch diese innere Einkehr und der Suche nach dem ICH, nicht um die Welt kümmere und der weiteren Zerstörung ihren Lauf lasse. Ich unternehme nichts dagegen, weil mir die Erkenntnis über mich wichtiger ist. Auch das ist die Wahrheit. Meine Wahrheit.

Aber eigentlich möchte ich das Wort „Wahrheit“ gar nicht benutzen. Es klingt so absolut. „Das ist die Wahrheit und die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit!“. Es klingt so unabänderlich. Ich spreche lieber von Tat-Sachen, oder von Fakten. Es ist Fakt, dass ich mich gerade so und so fühle. Es ist Fakt, dass wir gerade kollektiv diese Welt zerstören. Aber Fakten können sich ändern und in andere Tat-Sachen verwandeln, sobald wir unser Verhalten ändern. Die Wahrheit ist absolut. Sie kann sich nicht ändern. Und ich kann mir etwas absolut Wahres in diesem Universum nicht vorstellen. Bis jetzt hat es das noch nicht gegeben. Selbst die Naturgesetze und Naturkonstanten (Masse des Elektrons, Lichtgeschwindigkeit, etc.) sind nicht so konstant wahr, wie man das bisher angenommen hat (siehe die Arbeiten von Rupert Sheldrake). Tatsachen und Fakten sind Momentaufnahmen. Die Wahrheit ist ultimativ. Und in einem lebenden und sich wandelnden Universum kann es meiner Ansicht nach so etwas wie eine unveränderliche Wahrheit nicht geben.

Ich habe dann eine interessante Aussage von OSHO zur Wahrheit gefunden (https://www.osho.com/osho-online-library/osho-talks/truth-reality-fear-c7d149ae-826?p=5c6a59e95a396cc47b3b26017801e049) und es klingt für mich „wahr“. Er sagt, dass Wahrheit direkt wahr-genommen wird. Und genau so war es damals bei mir auch. Ich „wusste“ plötzlich Dinge, einfach so, und ich brauchte auch keine Argumente dafür. Ich wusste es einfach. OSHO sagt, die Wahrheit braucht keine Argumente. Es reicht, sie zu erkennen, sie zu fühlen, denn sie ist ohne Zweifel. Jedes Bemühen für oder gegen etwas zu argumentieren zeigt, dass die Wahrheit nicht erkannt wurde. Und es zeigt die Unwahrheit an und den Wunsch, diese durch Argumente glauben zu dürfen (ich nenne das “Erlaubnisscheine”), damit man sich weiter seinen (egoistischen) Illusionen hingeben kann. Aber das hat nichts mit Wahrheit zu tun, sondern nur mit Selbst-Verarschung. Man nimmt etwas unwahres als wahr an, weil man ja ausreichend Argumente dafür hat. Und dann kommt jemand mit besseren Argumenten daher, mit Argumenten die man nicht von der Hand weisen kann, und man zieht ihn ins Lächerliche, wird wütend auf ihn, oder tötet ihn.

Ich kämpfe allerdings jetzt mit einem wiederkehrenden Punkt. Damals WUSSTE ich. Ich zweifelte nicht. Alles war sonnenklar, einfach wahr. Mehr brauchte es nicht.

Aber dann versuchte mein Verstand diese Dinge, die ich als wahr erkannt hatte, zu belegen. Und ich fand natürlich reichlich Belge dafür im Internet durch die Veröffentlichungen und Beschreibungen anderer, die genau das Gleiche berichteten und als wahr annahmen, wie ich. Und natürlich gab es auch solche, die genau das Gegenteil als wahr annahmen, alles wieder in Frage stellten. Und so kamen Zweifel auf. Was sollte ich nun glauben? Das was ich erfahren und wahr-genommen hatte, oder das was die anderen mir sagten sei wahr?

Die Antwort darauf ist klar: Ich konnte nichts mehr glauben, was mir irgend jemand sagte, oder für was er argumentieren konnte. Nicht mal den wissenschaftlichen „Fakten“ konnte ich mehr glauben. Denn je genauer ich hinsah um so mehr musste ich erkennen, dass diese Fakten auch nur Vorstellungen von der Realität wären, die irgend einem Gehirn entsprungen waren. Und nachdem die Idee erst einmal da war, wurde nach Bestätigung durch experimentell validierbare Fakten gesucht. Und die wurden natürlich auch gefunden, weil man ja erst durch die Idee im Kopf überhaupt ein Experiment erdenken konnte, das erlauben würde, diesen Fakt zu untersuchen. Wenn ich zum Beispiel die Idee hatte, das ein bestimmtes Hormon das Pflanzenwachstum anregen könnte, dann würde ich eine entsprechende Versuchsreihe durchführen, um es zu testen. Wenn ich glaube die Materie ist aus Atomen aufgebaut, würde ich nach diesen Atomen suchen (und sie irgendwann auch finden). Aber erst muss die Idee da sein (aber woher kommt sie?). Auf diese Weise produziert die Wissenschaft die Fakten, die sie sucht. Hätte sie etwas anderes gesucht, hätte sie auch etwas anderes gefunden. „Believing is Seeing“ (Glauben heißt sehen). So erschaffen wir die Welt, die wir sehen.

Inzwischen habe ich für mich erkannt, dass meine Suche nach der Wahrheit zwar weiter gehen muss, aber ich mich nicht mehr auf „Argumente“ verlassen kann. Sie sprechen das Ego an und den Verstand, aber das genügt nicht und leitet auch oft fehl. Wenn die Wahrheit mir über den Weg läuft erkenne ich sie auf einer tieferen, umfassenderen Ebene. Und diese Erkenntnis kommt nicht vom Kopf allein und braucht auch keine Bestätigung. Sie ergreift, wie OSHO es so passend beschrieb, mein ganzes Wesen. Nur wenn das passiert, kann ich die Dinge als wahr annehmen. Und diese Wahrheit möchte ich weitergeben. Es gibt sicher Menschen, die sie für das erkennen was sie ist. Andere werden versuchen dagegen zu argumentieren, um ihre eigenen Vorstellungen zu schützen. Das ist verständlich, tut der Wahrheit aber keinen Abbruch.

Dennoch glaube ich die Welt wäre eine ganz andere, wenn mehr Menschen „Wahrheit“ erkennen und akzeptieren könnten. Aber ihre Egos, ihre festgefahrenen Vorstellungen über sich selbst und “ihre” Wahrheit verhindern das. Mir geht es nicht anders. Denn wenn wir die Wahrheit zulassen würden, dann könnten wir nicht mehr einfach so weiter machen wie bisher, und bei Zerstörung der Welt zuschauen, oder gar dabei weiter mitmachen. Wir müssten etwas dagegen unternehmen. Und auch ich „schütze“ mich immer wieder vor diesem Schritt, indem ich mich mit selbst gefertigten Argumenten (“es gibt noch viel zu lernen”, “vielleicht gibt es Wichtigeres zu tun”, “ich brauche noch Zeit, kann mich noch nicht festlegen”, “es entspräche meinem wahren Wesen nicht”, “Ich muss ja auch an mein Überleben denken”, etc., etc., etc.) davon abhalte, meiner Erkenntnis und meiner Wahrheit zu folgen. Das bedrückt mich, denn Ich weiß, wie ich mich hier selber mit solchen „Erlaubnisscheinen“ verarsche. Die Welt wird dadurch nicht besser, dass ich weiter meinen Vorteil und mein Überleben suche. So ein Verhalten hat uns global ja erst an den Rand der Vernichtung gebracht und trotzdem hören wir damit nicht auf. Aber wenn ich nichts tue, wird sich auch nichts ändern. “Es gibt einen Unterschied dazwischen, den Pfad zu kennen und den Pfad zu gehen”. Die Wahrheit zu kennen genügt nicht. Man muss sie auch leben. Und das erfordert Mut und Energie. Und beides habe ich anscheinend nicht. Oder benutze ich hier auch wieder nur einen “Erlaubnisschein”?

  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, mich in Diskussionen im Internet zu verlieren, um mich von wichtigeren Dingen im Leben abzulenken, die zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen für das Leben auf dieser Erde beitragen könnten.
  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, dies dadurch zu rechtfertigen, indem ich andere von meinen Ansichten durch mein Schreiben und Kommentieren zu überzeugen versuche, das Gleiche zu tun, sich also für Verbesserungen in dieser Welt einzusetzen.
  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, hierbei meine Wünsche (für eine Verbesserung in dieser Welt zu sorgen) auf andere projiziere, sodaß ich weiter gemütlich im Sessel sitzen kann, ohne aktiv werden und meine Energie für solche Zwecke einsetzen zu müssen.
  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, mir argumentativ “Erlaubnisscheine” für mein Verhalten zu generieren, und viel Zeit und Energie dafür aufzuwenden diese Illusion weiter aufzubauen und aufrecht zu erhalten, anstatt mich tatsächlich aktiv in der realen Welt zu engagieren.
  • Ich verpflichte mich, meine online-Zeiten deutlich zu reduzieren.
  • Ich verpflichte mich, jeden Tag mindestens 3-4 Stunden im Garten zu arbeiten.
  • Ich verpflichte mich darauf zu achten, was für Aussagen ich online treffe, und was die Gründe dafür sind.
  • Ich verpflichte mich, mich in meinen online-Auftritten authentisch zu verhalten, mich nicht mehr von meinem Ego, sondern von der Wahrheit leiten zu lassen, also nichts mehr zu teilen, nur um Anerkennung zu erhaschen, und auch keine likes mehr zu verteilen, nur um freundlich zu erscheinen.
  • ich verpflichte mich, mich auf meine erkannte Wahrheit zu stützen und authentisch im realen Leben wie auch online aufzutreten.

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